18.08.2019

Autos kaufen nicht ein: Warum Verkehrs­beruhigung dem Einzel­handel nützt

von Heiko Weidemann

Foto: iStock/anyaberkut

Haben sie jemals ein Auto gesehen, dass für einen Kaffee in einem Sandwich-Laden gestoppt hätte oder das die Auslagen ent­lang bummelt, um zu shoppen?
Ich auch nicht. Autos kaufen nicht ein. Menschen tun's.

Janette Sadik-Khan (eigene Übersetzung)

Die Verkehrswende bringt für viele Menschen große Heraus­forderungen mit sich. Für Gewerbe­treibende ist sie oft mit der Sorge verbunden, dass mit dem Wegfall von Park­plätzen auch Kundschaft wegbleibt und damit die Geschäfts­einnahmen sinken.

Häufig sind diese Ängste unbegründet. Studien aus anderen Städten lassen sogar einen ganz anderen Schluss zu: Die Einführung von verkehrs­beruhigten Zonen und Fußgänger­zonen führt erfahrungs­gemäß insgesamt zu Mehr­einnahmen der ansässigen Geschäfte.

Die meisten Kund*innen kommen nicht mit dem Auto

Eine Erhebung in Leipzig zeigte, dass 70 Prozent der Einkäufe von Umwelt­verbund­kunden getätigt werden – also von Kund*innen, die mit ÖPNV oder Taxis, mit dem Fahrrad oder zu Fuß kommen. Mehr als die Hälfte der Einkäufe wog dabei unter 5 Kilo, könnte also meist gut mit dem Rad, zu Fuß oder mit dem ÖPNV transportiert werden.

Bei der Einschätzung, woher ihre Kundschaft kommt, lagen die Einzel­händler*innen ziemlich oft daneben. Während sie annahmen, dass 40 Prozent der Kund*innen mehr als 3 Kilo­meter zum Einkaufs­ort fahren, waren es tatsächlich nur 15 Prozent. Demnach kamen 85 Prozent aus dem direkten Umkreis der Geschäfte, aus einer guten Fußgänger- oder Rad­entfernung.

Studien zeigen zwar, dass Autofahrer*innen pro Einkauf mehr Geld ausgeben als Umwelt­verbund­kund*innen, die dafür aber häufiger zum Einkaufen kommen. Umwelt­verbund­kund*innen sind für etwa 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich.

Wenn die Infrastruktur für Umwelt­verbund­kund*innen verbessert wird, profitieren also oft auch der Einzelhandel. Denn die Qualität des ÖPNV und der Fuß- und Radwege ist für den Umsatz offen­sicht­lich mit­entscheidend.

Auch die Bedeutung des Radverkehrs im Verhältnis zum Autoverkehr wird häufig unterschätzt. Autofahrer*innen lassen zwar mehr Geld pro Einkauf im Geschäft, pro Parkplatz könnten aber mehr Radfahrer*innen einkaufen. Studien aus Australien und der Schweiz belegen, dass die Parkplatz-Umsatz-Rentabilität von Fahrrad­park­plätzen höher ist als bei Auto­park­plätzen.

Welche Bedeutung haben Parkplätze für den Ottenser Einzelhandel?

In Ottensen wird dem Angebot an Parkplätzen oft eine große Bedeutung für Einkäufe in der Ottenser Hauptstraße oder in der Bahrenfelder Straße zugemessen, die mit Zahlen allerdings nicht zu belegen ist.

Ein Teil der vorhandenen Parkplätze sind zeitbezogene Parkplätze. Alle Stunde müssten die Autos also gegen andere ausgetauscht werden. Ein weiterer Teil der Parkplätze sind in Wirklichkeit gar keine, sondern eingeschränkte Halteverbote, die eigentlich als Lieferzonen dienen sollten. Ohne Kontrolle werden diese "Parkplätze" schnell zu totem Kapital für den Einzel­handel, denn ein großer Anteil wird von Dauer­parkern belegt.

Es ist zudem nicht geklärt, wer tagsüber – also dem relevanten Teil des Tages für alle Geschäfte außer Restaurants – dort parkt. Sind es Menschen, die einkaufen wollen, die dort arbeiten oder als Touristen im Viertel sind? Darüber haben wir keine Zahlen.

Von anderen Städten lernen

Erfahrungen aus anderen Städten oder Stadtteilen belegen, dass Gehen und Radfahren gut für den Umsatz ist.

So sperrte Madrid 2018 rund um die Weihnachtszeit einen Teil seiner Innenstadt. Die Einnahmen auf Madrids Haupt­einkaufs­straße stiegen danach um 9,5 Prozent. Der Zeit­punkt ist interessant, da Kritik an der Durchführung von "Ottensen macht Platz" in der "kalten Jahreszeit" geäußert wurde.

Eine englische Studie belegt, dass die Einkäufe in Geschäften teils um bis zu 30 Prozent zunehmen können. Außerdem besuchen Fußgänger*innen doppelt so häufig die Geschäfte, Radfahrer*innen kommen 50 Prozent häufiger als Autofahrer*innen zum Einkaufen.

Insgesamt bleibt als Fazit, dass es für viele Einzelhändler*innen Vorteile bringt, wenn die Infrastruktur für Radfahrer*innen, Fußgänger*innen und den ÖPNV verbessert wird. Denn mit den Umwelt­verbund­kund*innen machen sie den meisten Umsatz.

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